Ich bin stärker, also setz´ ich mich durch!??? – Kritische Stimmen zum Recht des Stärkeren in der antiken Literatur
Neben unseren Unternehmungen mit den anderen Humanistischen Profilschulen in Mecklenburg-Vorpommern veranstalten wir jedes Schuljahr im ersten Halbjahr einen schulinternen Projekttag, in diesem Jahr zu dem Thema: Das Recht des Stärkeren
Bedauerlicherweise ist dieses Thema nicht antik und verstaubt, sondern topaktuell. Doch wie äußerten sich unsere antiken Autoren zu der Thematik?
Nach einem Einstieg in die Thematik mit Tom und Jerry als Symbolik für stark und schwach hat sich unser Projekttag in vier Abschnitte gegliedert, die jeweils einer Literaturgattung zugeordnet waren:
- Fabeln: Einer der ältesten Autoren – Hesiod – hat ein ganzes Werk seinem Bruder gewidmet, der ihn um sein Erbe betrogen haben soll. In diesem Werk erzählt er die Fabel von einem Habicht und einer Nachtigall: Der Habicht packt die Nachtigall mit seinen Klauen und trägt sie in der Luft davon. Die Nachtigall weint und jammert, doch der Habicht entgegnet lediglich, dass sie still sein soll, weil sie jetzt in der Hand eines Stärkeren ist. Ist das die Moral von der Geschicht´? – Nein, denn direkt im Anschluss schreibt Hesiod, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt: Die Gottheiten gaben den Menschen die Fähigkeit, Recht zu erkennen und von Unrecht zu unterscheiden, was als beste Gabe angesehen wird.
Fazit: Das Recht des Stärkeren gilt nur im Tierreich.
Anhand weiterer Fabeln konnte man die Thematik in Gruppenarbeit vertiefen.
- Mythos und Drama: Wir teilten uns in verschiedene Gruppen auf und untersuchten, welches Machtgefälle zwischen verschiedenen Sagenfiguren besteht: Herakles, Jason und Medea, Kreon und Antigone Die Arbeitsaufträge waren:
1. Informiert euch über den Inhalt des Mythos.
2. Charakterisiert die Hauptfigur und ihre Gegenspieler.
3. Überlegt, welche Position die Hauptfigur gegenüber ihren Gegenspielern einnimmt.
4. Diskutiert, ob Stärke – körperliche oder einflussmäßige – in der Erzählung positiv oder negativ dargestellt wird.
Im Anschluss kamen wir darüber ins Gespräch und auch hier zeigte sich: Stärke ist nicht unbedingt körperliche Stärke, sondern auch mentale Stärke und die Fähigkeit an einer moralisch richtigen Entscheidung festzuhalten. Und wer seine Stärke bedingungslos durchsetzt, verliert am Ende auch Sympathie.
- Philosophie: Natürlich kommen wir beim Thema „Das Recht des Stärkeren“ nicht ohne Sokrates aus: In seinem Werk „Gorgias“ lässt der Autor Platon Sokrates und den Rhetoriklehrer Gorgias aufeinandertreffen. Gorgias ist ein richtiger Fan des Rechts des Stärkeren, doch Sokrates argumentiert dagegen. Gegen Ende des Werkes erzählt Sokrates einen Mythos über die Unterwelt: Früher wurden die Menschen kurz vor ihrem Tod, als sie noch lebten, von anderen Menschen beurteilt und den verschiedenen Bereichen der Unterwelt zugewiesen: Die Guten kamen auf die Insel der Seligen, die Schlechten in den Tartaros. Es kam zu vielen ungerechten Verteilungen. Daher beschloss Zeus, dass die Seelen erst eingeordnet werden durften, wenn sie gestorben waren, und sie sollten von anderen Toten beurteilt werden und sie sollten dabei nackt sein, ohne jeden Schmuck, ohne jede Möglichkeit für Bestechung, ihre Seele allein sollte den Ausschlag geben.
Nach dem Lesen des Mythos diskutierten wir darüber, wie Sokrates aufbauend auf diesem Mythos seine Argumentation gegen das Recht des Stärkeren fortführen konnte.
- Historiographie: Im Krieg gegen die Perser erlebten die Athener am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, von Stärkeren bedrängt zu werden. Mit Glück und Mut konnten die Griechen gemeinsam die Übermacht der Perser besiegen. Kurze Zeit später war Athen durch den Delisch-Attischen Seebund, der als Folge der Perserkriege gegründet wurde, selbst in der Rolle des Stärkeren gegenüber den Inselstaaten, für die Athen die Schiffe hütete und die an Athen dafür Abgaben leisteten. In einer Auseinandersetzung mit den Inselstaaten ergreifen athenische Vertreter das Wort und vertreten ganz deutlich das Recht des Stärkeren. Die Rede ist bei dem Historiographen Thukydides überliefert. Wir untersuchten, ob sich aus der Darstellung dieser Rede die Position des Autors Thukydides zum Recht des Stärkeren herauslesen lässt – und tatsächlich verliert Athen seine Sympathiepunkte, wenn man Thukydides´ Schilderung liest.
Fazit: Vertreter aus ganz verschiedenen Literaturgattungen haben sich in der Antike alle gegen das Recht des Stärkeren ausgesprochen bzw. kritisch dazu geäußert.
Nach der anstrengenden Reise durch die griechische Literatur hatten sich alle ein kräftiges Abendessen verdient – und das heißt an unserem schulinternen Projekttag traditionell: PIZZA!

